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Minimalismus: Ballast abwerfen befreit!

Minimalisten verzichten bewusst auf Luxus und Konsumterror. So fühlen sie sich freier und mobiler. Tipps, wie ein minimalistischer Lebensstil glücklich machen kann
von Dr. med. Roland Mühlbauer, aktualisiert am 15.10.2016

Was brauche ich wirklich? Minimalistisch zu leben, heißt radikal auszumisten

ddp Images/Shotshop

"Alles was Du besitzt, besitzt irgendwann Dich" (Zitat aus dem Film "Fight Club")

Schränke voller Kleider, Schuhe, Bücher, CDs, DVDs. Ungefähr 10.000 einzelne Gegenstände horten Deutsche im Durchschnitt in ihrem Haushalt. Minimalisten kommen mit viel weniger Dingen aus, einige nur mit 100 Gegenständen. Bei manchen passt ihr ganzes Hab und Gut in einen Rucksack, mit dem sie durch die Welt reisen.

Warum entrümpeln diese Menschen so extrem? Weshalb verzichten sie bewusst auf materielle Statussymbole, Erinnerungsstücke und Sammelobjekte sowie einen großen Kleiderschrank mit komfortabler Auswahl? Es scheint ein Trend zu sein, dass Menschen ihr Leben hin zum Minimalismus verändern und das auch anderen mitteilen möchten.

Ausmisten als Befreiung

Michael Klumb, der auf seinem Blog minimalismus-leben.de über seinen Lebensstil schreibt, hatte sein Schlüsselerlebnis bei einer Geschäftsreise. Nachdem er im Hotelzimmer seinen Koffer abgestellt und seinen Mantel aufgehängt hatte, erlebte er das aufgeräumte leere Zimmer als sehr wohltuend: "Dort habe ich eine große Ruhe und Gelassenheit gespürt." Seinem Empfinden nach entfacht äußere Unordnung auch geistige Unordnung. Wieder zu Hause, begann er nach der Lektüre eines Buchs über einfaches Leben, seine Wohnung radikal auszumisten.

Befreiend: Michael Klumb hat unter anderem 2000 CDs ausgemistet

W&B/Privat

Dorothea Kirstein, die auf minimalistenfreun.de bloggt, ist ebenfalls seit fünf Jahren am "Minimalisieren". Zuvor hatte sie viel Kleidung online gekauft, die sich mit der Zeit in ihrer Wohnung anhäufte. Als sie in amerikanischen Blogs über Minimalismus las, hinterfragte sie ihre Gewohnheiten. Sie beschloss, nachhaltiger zu leben, möglichst fair gehandelte Produkte zu kaufen und nicht mehr benötigte Sachen wegzugeben. Zuerst waren es der Raclette-Grill und das Waffeleisen, später folgten CDs und schließlich die Klamotten.

Dorothea Kirstein alias Bloggerin Dori von minimalistenfreun.de

privat/Andreas Schwerin

Weitergeben, nicht wegwerfen

"Inzwischen ist mir klar, dass jeder Gegenstand nicht nur bei der Anschaffung Aufwand bedeutet, sondern auch beim Aufbewahren und Weggeben", erklärt Kirstein, die sich auf ihrem Blog Dori nennt. Schließlich brauche alles Platz und müsse gepflegt oder zumindest abgestaubt werden. Ihr Ratschlag zum Entrümpeln: sich bei jedem Stück zu fragen, ob es wirklich glücklich macht oder nicht. "Manche Dinge können mit schlechten Erinnerungen verknüpft sein. Die kommen dann natürlich weg", sagt die Minimalistin.

Sechs Tipps, wie man Ballast los wird

1. Mögliche neue Anschaffungen auf eine Liste schreiben und erst kaufen, nachdem man 30 Tage abgewartet hat
2. Im Kleiderschrank alle Kleiderbügel verkehrt herum einhängen. Haken erst umdrehen, sobald das Kleidungsstück getragen wurde. Nach einem Jahr alles spenden, was nicht angezogen wurde
3. Am Briefkasten ein Schild anbringen, dass kostenlose Zeitungen und Werbung unerwünscht sind
4. Leihangebote wahrnehmen, zum Beispiel Büchereien oder die Bücherregale von Freunden
5. Keine Werbegeschenke oder Prämien annehmen
6. Für jede Tüte mit Einkäufen, die man in die Wohnung hineinträgt, mindestens eine heraustragen


Grundsatz von Minimalisten: Kleidung nicht einfach wegwerfen, sondern spenden

Fotolia/flairimages

Kirstein bemüht sich bei aussortierten Gegenständen, sie stets "artgerecht" zu entsorgen, indem sie sie eintauscht, verschenkt oder an gemeinnützige Organisationen spendet: "Den Gegenstand im Umlauf zu halten und noch eine gute Verwendung zu finden, kann ganz schön anstrengend sein." Diesen Stress macht sie sich bewusst, wenn sie wieder die Kauflust packt. Minimalismus solle aber nicht bedeuten, dass sie etwas entbehren muss: "Im Gegenteil habe ich durch den Verzicht dann mehr von etwas anderem – mehr Raum, mehr Zeit, mehr Geld, mehr Glück!"

Digitalisieren und teilen

Moderne Hilfsmittel erleichtern das Aufgeben einiger Besitztümer. Wichtige Bücher lassen sich oft als E-Books kaufen. Auch die Lieblings-CDs und -DVDs können digitalisiert auf der Festplatte oder im Speicher des Handys aufgehoben werden. Außerdem machen Streaming-Dienste Medieninhalte schnell und unkompliziert verfügbar. "Manche Erinnerungsstücke gebe ich leichter weg, wenn ich vorher noch ein Foto davon mache", erzählt Kirstein.

E-Books nehmen weniger Raum ein als gedruckte Bücher

Your Photo Today/A1PIX

Darüber hinaus helfen Gegenstände mit mehreren Funktionen dabei, auf andere Dinge zu verzichten: "Mein Handy kann viele andere Geräte ersetzen, es ist für mich Kommunikationsmittel, Fotokamera, Navigationsgerät, Terminplaner und Internetanschluss in einem", sagt Klumb. Bei weiteren Bedürfnissen helfen Angebote der "Sharing Economy", um sich zum Beispiel kurzfristig ein Auto auszuleihen oder Kleidungsstücke zu tauschen. Oder auch Repair-Cafes, um Dinge zu reparieren, statt einen Ersatz kaufen zu müssen (zum Beispiel repaircafe.org und reparatur-initiativen.de).

Es gibt auch Pseudo-Minimalisten

Zahlreiche Ratgeberbücher sind bereits zum Thema Minimalismus erschienen. Der Soziologe Professor Kai-Uwe Hellmann von der TU Berlin glaubt aber, dass hierzulande nur eine winzige Minderheit von Menschen ernsthaft ihren Lebensstil nach minimalistischen Maßstäben ausrichtet. Zwar sei das Thema Konsumverzicht gerade sehr angesagt, viele würden aber eher auf Partys davon reden, statt tatsächlich danach zu handeln. "Dabei geht es mehr um Profilierung, Konformität und Anerkennung und weniger darum, sein Leben ganzheitlich-philosophisch umzugestalten."

So wie man einen Musikgeschmack oder Weingeschmack habe, könne man auch einen Lebensstilgeschmack präsentieren. "Zu wissen, wie die Szene funktioniert, darüber ausgefeilte Reden zu schwingen, die entsprechenden Läden zu besuchen und die richtigen Bücher und Personen zu kennen, ist für viele der eigentliche Spaß daran."

Vorbilder für den Minimalismus

Minimalismus sei nur eine von mehreren Formen des Unbehagens an der vorherrschenden Kultur, sagt Hellmann. Dieses Unbehagen werde gespeist durch die in der Gesellschaft herrschende Komplexität und Entfremdung sowie den sozialen Wandel. "Weitere Formen, dieses Unbehagen zu verarbeiten, sind zum Beispiel die Suche nach Innerlichkeit und Entschleunigung", so der Experte.

Bewusste Konsumenten, Aussteiger und eine neue Generation

Professor Sascha Friesike von der Universität Würzburg befasst sich mit Innovationsmanagement. Er beobachtet, dass einerseits Unternehmen ein immer breiteres Sortiment an Waren entwickeln, um neue Bedürfnisse zu wecken. Auf der anderen Seite sieht er überforderte Verbraucher, die als Trotzreaktion entweder nostalgisch werden und auf altbekannte Produkte zurückgreifen oder den Konsum verweigern. Letztere verhalten sich zum Teil im Sinne von Minimalisten. Dabei teilt er diese kritischen Verbraucher in drei Kategorien ein:

1. Die erste Gruppe kauft nach dem Motto "less, best" nur wenige, dafür aber umso hochwertigere Güter ein.
2. Andere tendieren in Richtung Aussteiger. Sie wollen bewusst mit möglichst wenig Geld auskommen, um dafür kürzer arbeiten zu müssen und mehr Freizeit zu haben.
3. Zur dritten Gruppe zählt er Millennials, also nach 1980 Geborene. In dieser Altersklasse gelten Statussymbole wie teure Uhren, Autos oder Häuser immer weniger. "Für sie zählen eher Erlebnisse wie Reisen, Events oder besondere Sporterlebnisse, zum Beispiel auf den Kilimandscharo gestiegen zu sein", so Friesike.

Wie geht es weiter mit dem Trend Minimalismus?

Der Trend hin zu bewusstem Konsum und Minimalismus und weg von materiellen Statussymbolen könnte in den nächsten Jahren noch zunehmen, glaubt Friesike. Inzwischen wirke es für viele Menschen eher aufgesetzt, wenn jemand Luxusgüter wie Markenhandtaschen zur Schau stelle. Der Experte weiter: "Auch das Mitbringen von Souvenirs kommt aus der Mode, seitdem durch Smartphone und Internet Reiseerlebnisse fast in Echtzeit mit anderen geteilt werden können." Insofern vermutet er, dass es einen anhaltenden Trend weg vom Horten möglichst vieler Gegenstände geben wird.

"Ganz neu ist die Strömung nicht", sagt Hellmann und geht davon aus, dass sie auch weiterhin bestehen bleiben wird. Gewissermaßen könne man schon Jesus und Buddha in ihrer Zeit als Minimalisten sehen. "Heutzutage ist es geradezu eine dialektisch bedingte Notwendigkeit der Überflussgesellschaft, dass es eine entsprechende Gegenbewegung gibt", so der Soziologe. Nicht zuletzt würden sich die Medien mit Vorliebe auf gegensätzliche Trends stürzen und sie damit unterstützen. So wurde Minimalismus auch schon mit Schlagworten wie simple living, freiwillige Einfachheit oder Downshifting betitelt. "Möglicherweise sind diese Vokabeln aber irgendwann verbraucht und wir bekommen wieder ein neues Label dafür." Dennoch werde es dasselbe beschreiben: dass sich Menschen per Konsumverzicht vom Ballast des Überflusses befreien und auf alternative Lebensmodelle hinweisen.

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Bildnachweis: ddp Images/Shotshop, dpa Picture-Alliance, privat/Andreas Schwerin, W&B/Privat, Fotolia/flairimages, Your Photo Today/A1PIX

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